Fredrikstad Animation Festival 2026: „Nordisch-Baltische Studentenfilme“
Die FIPRESCI-Jury auf dem Fredrikstad Animation Festival 2026 fand sich mit der Herausforderung auseinandergesetzt, neben zwei Blöcken von professionell produzierten „Nordic-Baltic Shorts“ auch eine Sektion von studentischen Kurzfilmen in ihre Wahl miteinbeziehen zu müssen. Zwölf Beiträge standen zur Ansicht, die doch von sehr unterschiedlicher Produktionsqualität und Erfahrungsschatz der Ausführenden zeugten. Von drittem Semester bis Abschlussarbeit war gefühlt alles dabei. Vor allem im Vergleich mit Filmen wie „The End“ von Niki Lindroth von Bahr und „9 Million Colors“ von Bára Anna – Werke die von Routine, Star Power und hoher Production Value zeugten – konnte man sich überlegen, ob ein und derselbe Wettbewerb vielleicht nicht ganz fair für den „Nachwuchs“ war. Es erklärt sich von selbst, dass Geld und Alter nicht unbedingt Qualitätssiegel sind, meist aber zumindest Sicherheiten für einen gewissen Standart.
Werke wie „Still Life“ von Lara Jaydha, und besonders „Jump Zoo“ von Lukas Winter zeugten von einer beeindruckenden visuellen Eigenständigkeit, wirkten aber eher wie konzeptuelle Fingerübungen – wenn auch auf hohem Niveau. Hier kann man ruhig die Kriterien des „Genres“ ansetzen, das die Gattung Animation für sich betont nicht beanspruchen will. Der grundsätzliche Fokus auf die visuelle Gestaltung ist doch elementarer und radikaler als beim Realfilm. Oft, und das lässt sich bei den studentischen Arbeiten leicht feststellen, konsumiert dieser Fokus das Narrativ; verschluckt es regelrecht, zugunsten von Trick und Farbe.
Surreale, kafkaeske Szenarien
Noch interessanter als die visuellen Ansätze einiger Proof-of-Concepts waren die rohen Einblicke in die künstlerische Gedankenwelt junger Regisseure und Animatoren. Es scheint als hätte die Corona-Zeit und damit einhergehende Erfahrungen häuslicher Gefangenschaft prägende Eindrücke hinterlassen. Surreale, kafkaeske Szenarien dominieren die Studentenfilme. „Eye Swap“ von Jenni Koljonen erzählt ein kleines Märchen stilistisch irgendwo zwischen traditionell osteuropäischem Puppenanimationsstil und Tim-Burton-Gothic, gemischt mit bewegten Buntstiftmalereien. Augen werden herausgerissen und wieder eingesetzt, deswegen beherrscht Unschärfe die Leinwand. „The Crack“ von Viktoria Shmidt benutzte die Doppelbödigkeit des Wortes für eine Meditation über Drogenerfahrung und emotionale Verwahrlosung in schwarz-weiß. „The sea spirit“ von Edwin Ivemark Kihlström erzählte reichlich abgedreht von einem alles konsumierenden, karmischen Meeresgeist. „ˌaɪs ˈkriːm, aɪ skriːm“ von Nataliia Domini kratzte am radikalsten am Rande des Wahnsinns. Die junge ukrainische Regisseurin zersetzt Logik und Linearität in schwarz, weiß, rot und blau. Punk Rock und Orgelmusik würzen den Soundtrack. Mit etwas mehr Biss beim Timing von Dialog und psychedelischem Slapstick hätte sich der Film im Wettbewerb hervorgetan.
Man würde bei Studentenfilmen – wertungsfrei – mehr politische Ansätze erwarten, dennoch kümmerten sich lediglich zwei von zwölf Beiträgen um die gesellschaftliche Probleme. „This Feminine Side“ von Alice Siniscalchi ließ queere Stimmen aus Lissabon zu Wort kommen, die sich mal beschwerten, mal litten, mal kämpferische Ansagen von sich gaben. „things that i was gathering“ von Ekaterina Zhuzhleva schnitt im Kleinen, aber doch sehr eindeutig, das Thema politischer Unterdrückung in der Russischen Föderation an. Der gestalterisch doch eher sehr konventionelle Film gewann mit plausiblem Narrativ, und wohl auch Aspekten der „Richtig- und Wichtigkeit“ des Themas, zumindest das Herz der Hauptjury und gewann den Studentenpreis des Festivals.
Die FIPRESCI-Jury zeigte sich in ihrer Beratungsphase oft etwas irritiert hinsichtlich der anzusetzenden Kriterien, besonders bei einem „Kritikerpreis“. Kritiker sind meist Autoren, stehen also außerhalb der Industrie, wissen eher wenig von den Mühen einer bestimmten Animationsart. Hier also Qualität von Originalität zu unterscheiden und zu gewichten, fiel schwer, da die Studenten doch vorwiegend ihr gerade erlerntes Handwerk präsentierten. Wo die Dozenten hier Schwerpunkte in der Formung ihrer Schüler setzten, fragten sich die Kritiker ebenso. Es ergab sich ein durchaus interessanter Einblick mit neuen Fragen hinsichtlich der Lehr- und Produktionsbedingungen des Animationsgewerbes.
FIPRESCI-Jury: Jan Storø (Norwegen) Chiara Isabella Spagnoli Gabardi (Italien), Maximilian Schäffer (Deutschland, BVMJ)
